Ist die Schweiz das neue Japan?

28 Apr Ist die Schweiz das neue Japan?

Die Swiss-American Chamber of Commerce hat am 20. April in Zürich zu einem Panel über „digital disruption“ geladen. Alleine darum ging es jedoch nicht.

Eigentlich wollten Prof. Arturo Bris, der Direktor des World Competitiveness Center an der IMD Business School in Lausanne und Thomas D. Meyer, Country Manager von Accenture Schweiz, sich dazu äussern, wie man zum „digital disrupter“ wird. So jedenfalls lautete das Thema des von der Swiss-American Chamber of Commerce (AMCHAM) organisierten Panel-Meetings im Savoy Baur en Ville. Sie sprachen dann zunächst aber vor allem über Wettbewerbsfähigkeit sowohl von Ländern wie auch von Unternehmen – und was sie zu sagen hatten, war spannender als ein Krimi.

Droht der Schweiz ein Abschwung?

 „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen über mehr als zehn Jahre profitabel ist, liegt bei 6,6 Prozent.“ Schon der von Arturo Bris gewählte Einstieg brachte ihm ungeteilte Aufmerksamkeit. 20 bis 70 Prozent der Wettbewerbsfähigkeit werden durch das Land bestimmt, in dem sich ein Unternehmen befindet.

Die Schweiz schneidet dabei (noch) gut ab: Sie liegt weltweit auf dem 14. Rang. Das dürfte sich aber am 31. Mai ändern, denn dann stellt Professor Bris‘ Institut den aktuellen Wettbewerbsfähigkeitsindex vor – und er machte kein Geheimnis daraus, dass der Trend hierzulande nur noch in eine Richtung zeigt, nämlich steil nach Süden.

Es könne nämlich so kommen, wie in Japan: Von Boom zu bust – die Japankrise führte in den 1990er-Jahren zu einer gefühlten Verarmung der Bevölkerung, einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, der weltweit höchsten Staatsverschuldung und einer bis heute andauernde Deflation. Droht der Schweiz ein ähnliches Schicksal?

Governance, Talentmanagement, Innovation

Wie aber können Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern? Sie lernen von den Besten. Sie schauen sich an, was die Erfolgreichen gut machen und analysieren die Komponenten in einer Art „reverse engineering“. Sie sehen, dass an erster Stelle die Governance und die internen Prozesse für Erfolg sorgen. Das gilt allerdings nicht für die Banken: Je schlechter die Governance einer Bank, desto besser ihre Performance.

An zweiter Stelle steht – kaum überraschend – das Talentmanagement. Wer am besten mit seinen Mitarbeitern umgeht, wird am meisten von ihnen bekommen. An dritter Stelle steht Innovation. Umso erstaunlicher ist dabei, dass viele Unternehmen ihr Management für Einsparungen (also das Unterbinden von Innovationen) per variablen Lohnanteil belohnen.

Arturo Bris ist nie um klare Worte verlegen. Innerlich mögen ihm viele applaudiert haben, als er ein grosses Wort gelassen aussprach: „Wenn Sie Methoden zur Verbesserung der Nachhaltigkeit einsetzen, bedeutet dies, dass Ihr Unternehmen faktisch weniger nachhaltig ist!“ Soll heissen: Viele sogenannten Nachhaltigkeitsmassnahmen dienen eigentlich Einsparungen oder dem Marketing und nicht der Ökologie.

Industrie 4.0 – ohne leere Phrasen

Die digitale Transformation rückte dann doch noch in den Mittelpunkt des Interesses – und AMCHAM zeigte beispielhaft, dass sich über das Thema Industrialisierung 4.0 faszinierend sprechen lässt, ohne leere Phrasen zu dreschen. In seinem Beitrag führte Thomas Meyer die Schlüsselergebnisse der Accenture-Studie „Capturing the Digital Opportunity“ aus.

Kurz zusammengefasst heisst dies: Unternehmen, welche die digitale Transformation hoch gewichten und digitale Produkte und Dienstleistungen anbieten, wachsen schneller als die anderen und haben die deutlich besseren Aussichten auf eine erfolgreiche Zukunft. Wer sich nicht bewegt, wird verlieren, da neue Mitbewerber auf den Markt drängen.

Besonders spannend ist, wie die Kommunikationsbranche abschneidet. Trägt man die Anzahl der neuen Wettbewerber in einer Grafik auf der X-Achse und deren Wirkung auf der Y-Achse auf, dann landet die Branche stets ganz oben rechts, wo sich laufend die Spieler und die Spielregeln ändern – und das ist die Kommunikation. Nirgendwo ändern sich Spieler und die Spielregeln schneller. Aber lesen Sie selbst!

Disclaimer:

Kommunikation heisst, sich ins Gespräch zu bringen – auf allen möglichen Kanälen und insbesondere an Events. Als mitteilungsbedürftige Kommunikationsexperten, die überdurchschnittlich an Networking- und Branchenevents teilnehmen, juckt es uns unter den Fingern, Gesehenes und Gehörtes zu verbloggen: mal unterhaltend, mal nützlich, aber immer aus einem kritischen Blickwinkel. Gerne schiessen wir bewusst über das Ziel hinaus, um zum Nachdenken anzuregen. Denn genau das ist es, was schönfärberische PR und Unternehmenskommunikation oft nicht tut.

 

Bild: fotolia.de/Kurt Kleemann

Share on LinkedInShare on Facebook
Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen